Vom Wandel zum Kippen
Die Änderungen des Weltklimas werden auf allen Kontinenten beobachtet. Unklar ist, wohin der Wandel führt, denn das System Erde ist fast unendlich komplex. Jetzt wurden drei weitere Elemente identifiziert, die das globale Gleichgewicht zum kippen bringen können. Meldungen aus Forschung, Wirtschaft und Politik im Planet-Erde-Telegramm.

Eisabbruch am Perito-Moreno-Gletscher (Christof Berger ./. GFDL)
— Südamerika: Am Südlichen Patagonischen Eisfeld wurde eine starke Hebung der Erdkruste gemessen. Die Ursache für dieses bemerkenswerte Phänomen sei eine sich beschleunigende Abnahme des Eises, berichten Forscher in der Fachzeitschrift „Earth and Planetary Science Letters“. Das Südliche Patagonische Eisfeld ist mit 13.000 Quadratkilometern nach der Antarktis die zweitgrößte Eismasse auf der Südhalbkugel. „Hier kommen zwei Faktoren zusammen“, erläutert Projektleiter Reinhard Dietrich vom Institut für Planetare Geodäsie der TU Dresden. „Zum einen die Abnahme des Eises, die nach der kleinen Eiszeit vor etwa 120 Jahren begann und jetzt einen jährlichen Massenverlust von 30 Gigatonnen, das heißt etwa 30 Kubikkilometern, erreicht hat. Dieser zunehmende Schwund des Eises geht eindeutig mit dem Klimawandel in den letzten Jahrzehnten einher“, so Dietrich [scinexx] —
— Nordamerika: Ein Team unter der Leitung der University of Pennsylvania hat ermittelt, dass der Anstieg des Meeresspiegels der Atlantikküste der USA im 20. Jahrhundert zwei Millimeter schneller ablief als in den letzten 4000 Jahren. Damit lassen sich die Modelle verfeinern, mit denen versucht wird, die Auswirkungen der vom Klimawandel verursachten Eisschmelze zu prognostizieren [U. Penn.] —
— Hamburg: Mit einem neuen Supercomputer will das Deutsche Klimarechenzentrum (DKRZ) die Klimaentwicklung genauer vorhersagen. “Das ist der größte Rechner, der ausschließlich für die Klimaforschung zur Verfügung steht”, sagte Bundesforschungsministerin Annette Schavan bei der Vorstellung. “Das ist ein großer Schub für die Klimaforschung.” Die Prognosen künftiger Klimaänderungen lassen sich mit dem neuen Computer wesentlich genauer berechnen, auch regionale Besonderheiten können viel exakter beschrieben werden [Dnews / dpa] —

Meeresspiegeländerungen, von Salzwiesensedimenten verraten (U. Penn.)
— Planet Erde: Die Abholzung der tropischen Regenwälder könnte den Klimawandel noch stärker voran treiben als bislang gedacht. Denn die Gesamtbiomasse von Hainen, die nach einer Landschaftszerschneidung entstandenen sind, kann im Vergleich zu einem zusammenhängenden Wald gleicher Gesamtfläche um bis zu 40 Prozent geringer sein. Zu diesem Ergebnis kommen deutsche und brasilianische Forscher durch Modellrechnungen, denen die Daten aus dem größtenteils abgeholzten Küstentropenwald Mata Atlântica im brasilianischen Bundesstaat São Paulo zugrundeliegen [scienceXpress] —
— Planet Erde: Ein zuvor nicht bekannter Vulkanausbruch vor genau 200 Jahren ist vermutlich die Ursache für ein Jahrzehnt ungewöhnlich kalten Klimas von 1810 bis 1819. Das hat ein internationales Forscherteam durch Analysen von Eisbohrkernen herausgefunden. Wie die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Geophysical Research Letters” berichten, hat die Eruption des noch nicht identifizierten Vulkans große Mengen Schwefeldioxid in die Atmosphäre geschleudert [scinexx] —
— Planet Erde: Die Gase, die zur Bildung der Atmosphäre beitrugen – und mögleicherweise auch der Ozeane – sind außerirdischen Ursprungs, so das Ergebnis einer Studie von Forschern der Universitäten Manchester und Houston. Sie hatten insbesondere die Häufigkeit des Edelgases Krypton untersucht. “Wir haben eine klare Meteoritensignatur in vulkanischen Gasen gefunden”, erläutert Greg Holland. “Damit ist klar, dass sie nicht in entscheidendem Maße zur Bildung der Erdatmosphäre beigetragen haben können. Ihr Ursprung muss also woanders liegen.” [U. Manchester] —

Wassertemperaturen in 100 Meter Tiefe und Eisdicke, 2006 (NOCS)
— Nordatlantik: Im Sommer 2007 wurde der bisherige Rekordwert beim Rückgang des arktischen Meereises verzeichnet. Generell erwärmt sich das dortige Wasser stetig seit etwa zwanzig Jahren. Dies führt zu Veränderungen bei der Meereisdrift und der Ozeanzirkulation. Warmes Nordatlantikwasser wird dem arktischen Ozean durch die Framstraße zugeführt, einem tiefen Kanal zwischen Grönland und Spitzbergen, und führt zu einem Schmelzen des Meereises. Um diesen Vorgang besser quantifizieren zu können, haben Wissenschaftler des National Oceanography Centre Southampton (NOCS) hochauflösende Computersimulationen durchgeführt [NOCS] —
— Planet Erde: Daten der Weltorganisation für Meteorologie (WOM) das Jahr 2009 als eines der zehn wärmsten Jahre seit dem Beginn der Aufzeichnungen 1850 aus. Die Zahlen zeigen, dass die Temperaturen konstant ansteigen und die Jahre zwischen 2000 und 2009 wärmer als die 1990er Jahre waren, die ihrerseits wärmer als die 1980er waren. Dabei wurden in den meisten Regionen der Welt Werte registriert, die über dem Mittelwert lagen. Eine Ausnahme davon macht Nordamerika, wo kühlere Temperaturen unterhalb des Mittelwerts verzeichnet wurden [cordis] —
— Planet Erde: Eine möglicherweise stark wachsende Nachfrage nach Batterien für Elektroautos droht einer Studie zufolge zu einem Engpass bei der weltweiten Versorgung mit Lithium zu führen. “Hier bahnen sich strukturelle Versorgungsdefizite an”, heißt es in der Analyse zum Thema Mobilität vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) und der Berenberg Bank. Nach heutigem Stand der Technik sei das Metall für die Herstellung moderner Hochleistungsakkus unentbehrlich, da sich bisher nur mit ihm hinreichende Speicherkapazitäten und Wirkungsgrade erzielen ließen [Dnews / afp] —

Kippelement Bodélé-Senke: ihre enormen Staubmengen düngen auch den Amazonasregenwald (J. Descloitres, Modis / Nasa, GSFC)
— Kalifornien: Lithium wird künftig erstmals in einem Geothermiekraftwerk gewonnen. Normalerweise wird es in einem aufwändigen Prozess unter Einsatz einer Menge Wasser aus Erde oder einer Sole extrahiert. Das neue Verfahren weist dagegen einen wesentlich kleineren ökologischen Fußabdruck auf. Und das Geothermiewasser des Salton Sees oberhalb der San-Andreas-Verwerfung sei ebenso lithiumreich, wie die produktivsten Solevorkommen in Bolivien und Chile [NewScientist] —
— Planet Erde: Forscher haben drei neue Kippelemente identifiziert: die größte Staubquelle unseres Planeten, ozeanische Stoffkreisläufe und Methanhydrate. Kippelemente sind solche Bestandteile des Erdsystems, die schon durch geringe Störungen extrem verändert werden können. Das Kippen eines oder mehrerer dieser Elemente – insbesondere im Laufe fortschreitender Erderwärmung – könnte die bemerkenswert stabilen Umweltbedingungen der Nacheiszeit unwiderruflich beenden [scinexx] —
— China: Ein Drittel aller Zementfabriken im Reich der Mitte setzen künftig eine Entwicklung des Lawrence Berkeley National Laboratory (LBL) ein, um ihre Herstellungsabläufe im Sinne des Umweltschutzes und der Energieersparnis zu überprüfen und zu optimieren. Das Land hat mehr als tausend solcher Fabriken, ihr Ausstoß hat sich wegen der fortschreitenden Urbanisierung im letzten Jahrzehnt mehr als verdoppelt – auf die Hälfte der Weltproduktion. Dieser Industriezweig hat merklich dazu beigetragen, dass die Kohlendioxidemission in diesem Bereich den der USA mittlerweile übertrifft [LBL] —




















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